Exilliteratur
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Armin T. Wegner – lange Zeit nahezu vergessen

Exilliteratur – Teil 12: Armin T. Wegner

„Menschheitskämpfer wollen wir sein, denn nicht gegen den Kampf wenden wir uns, den wir lieben, nur gegen den Krieg…“ Armin T. Wegner, aus: Die Mobilisierung der Menschheit, 1918.

Wie die Dichterin Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) und die Schriftstellerin und Muse Richard Wagners, Mathilde Wesendonck (1828 – 1902), wird Armin T. Wegner 1886 in Elberfeld, heute ein Stadtteil Wuppertals, geboren.

Mit dem für einige Jahre ebenfalls in Elberfeld lebenden Autor Paul Zech (1881 – 1946) verbindet Armin T. Wegner, wie mit „Prinz Jussuf von Theben“ (Else Lasker-Schüler), die Erfahrung des Exils.

Schon früh macht Armin T. Wegner, expressionistischer Lyriker und späterer Reiseschriftsteller, Bekanntschaft mit der damals noch kaiserlichen Zensur. Seine unter dem Titel „Das Antlitz der Städte“ verfassten Gedichte werden 1917 wegen der darin enthaltenen „Obszönitäten“ verboten.

Armin T. WegnerDen Ersten Weltkrieg erlebt Armin T. Wegner als kriegsfreiwilliger Krankenpfleger im Winterfeldzug in Polen und später als Mitglied der Deutsch-Ottomanischen Sanitätskommission in der Türkei. Dort wird er Augenzeuge der Vertreibung und Ermordung des armenischen Volkes. Er protestiert entschlossen, fotografiert die Lager und Massengräber, schreibt zahlreiche Berichte und formuliert einen offenen Brief an Woodrow Wilson, den Präsidenten der USA. Armin T. Wegners Bemühungen, insbesondere auch die deutsche Öffentlichkeit über die Verbrechen an den ArmenierInnen aufzuklären, führen schließlich zu seiner Entlassung aus dem Militärdienst. Sein Protest verhallt nahezu ungehört.

Die Absicht, über diesen Völkermord einen Roman zu schreiben, bleibt im Entwurf stecken. Armin T. Wegner verarbeitet seine Erlebnisse in der Türkei unter anderem in den „Türkischen Novellen“. Ein zeitloses berührendes Dokument: „Ein Zittern lief durch den Leib der Menge. Die Köpfe wandten sich; mit vorgebogenem Hals, ineinandergekrallt, schoben sie sich die Gasse fort. Der vereinsamte Platz füllte sich mit dem Rauch der Kathedrale, über deren zitternde Menschenspaliere die Hände der Flammen tasteten. Der Atem der Tausende keuchte. Glut stand in den geröteten Augen. Die Vordersten, von ihrer Begierde gehetzt, jagten über die freie Straße. Die schwarze Masse, zusammengeballt, bebend vor Brunst, folgt ihnen über den Schrei zertretener Kinder, rast den Hügel hinab, durch die Höhlung, über den Platz und stieß an die Pforte der Bäder. …“ Aus: „Der Sturm auf das Frauenbad“

Wie Franz Werfel (1890 – 1945), der Autor des Romans „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, wird auch Armin T. Wegner noch heute von den ArmenierInnnen sehr geschätzt.

Die Solidarität mit dem armenischen Volk beeinträchtigt seine differenzierte Sicht auf die Zusammenhänge nicht. Armin T. Wegner ist allen Menschen der Türkei und ihrer Kultur verbunden: „Ich klage nicht den Islam an. Der Geist jedes großen Glaubensbekenntnisses ist edel, und die Handlung manches Mohammedaners hat uns vor den Taten Europas die Augen niederschlagen lassen. Ich klage nicht das einfache türkische Volk an, dessen Seele von tiefer Sittlichkeit erfüllt ist.“

Armin T. Wegner und Lola Landau: Schreibverbot und Verfolgung

1920 heiratet Armin T. Wegner die Schriftstellerin Leonore (Lola) Landau. Das Ehepaar veröffentlicht neben unabhängig voneinander entstehenden Arbeiten auch eine Reihe gemeinsamer literarischer Werke.

1933 erhalten die beiden ein Schreib- und Publikationsverbot, was neben der psychischen Belastung auch eine materielle Krise verursacht. Ebenfalls 1933 gehen die Bücher von Armin T. Wegner bei den Bücherverbrennungen im Deutschen Reich in Flammen auf.

Armin T. Wegner fühlt Krieg und Holocaust heraufziehen und kämpft als Autor und Pazifist dagegen an. Nachdem es am 1. April 1933 zu den ersten landesweiten Übergriffen gegen Juden und Jüdinnen kommt, wendet er sich an Adolf Hitler. Er wählt die Form eines offenen Briefes, allerdings traut sich zu diesem Zeitpunkt bereits keine Zeitung mehr, das Schreiben zu veröffentlichen.

„Herr Reichskanzler! In Ihrer Bekanntgabe vom neunundzwanzigsten März des Jahres hat die Staatsregierung die Acht über die Geschäftshäuser aller jüdischen Mitbürger verhängt. Beleidigende Inschriften: ‚Betrüger! Nicht kaufen! Den Juden den Tod!‘, gemalte Wegweiser: ‚Nach Jerusalem!‘ leuchteten an den Spiegelscheiben der Warenhäuser, Männer mit Knüppeln und Faustbüchsen hielten vor den Türen der Läden Wache, und zehn Stunden lang hat man die Hauptstadt zum Schauplatz der Belustigung der Massen gemacht. […] Gerechtigkeit war stets eine Zierde der Völker, und wenn Deutschland groß in der Welt wurde, so haben auch die Juden daran mitgewirkt. […] Herr Reichskanzler! […] Schützen Sie Deutschland, indem Sie die Juden schützen! […] Führen Sie die Verstoßenen in ihre Ämter zurück, die Ärzte in ihre Krankenhäuser, die Richter auf das Gericht, verschließen Sie den Kindern nicht länger die Schulen, heilen Sie die bekümmerten Herzen der Mütter, und das ganze Volk wird es Ihnen danken. […] Wahren Sie die Würde des deutschen Volkes.“

Die Ehepartnerin und die Kinder von Armin T. Wegner sind bereits im sicheren Ausland. Er selbst zeltet am Ufer der Havel und wartet auf Antwort. Der Sekretär Adolf Hitlers, Martin Bormann (1900 – 1945), bestätigt ihm schriftlich den Erhalt des Briefes. Die Antwort des Reichskanzlers kommt, geführt vom Chef des Cafés, in das sich der Autor gelegentlich Briefe schicken lässt, in Gestalt der Gestapo.
Was folgt, sind Verhaftung, Folter und KZ. Nachdem Armin T. Wegner freikommt, gelangt er über England und Palästina nach Italien.
Lola Landau erreicht ihrerseits mit den Kindern über eine Zwischenstation in England Palästina. Die beiden führen eine Beziehung zwischen Palästina und Italien. Diese gestaltet sich durch die örtliche Trennung sehr schwierig und die Ehe wird 1939 geschieden.

Später wird Lola Landau sagen: „Ich konnte in Deutschland nicht bleiben, er nicht in Palästina. So sind wir auseinandergeschwommen. Im Sturm. Es war Sturmflut.“

Als Schriftstellerin wird sie erst wieder nach langer Pause ab den 1950er Jahren tätig. Deutsch ist weiterhin die Sprache ihrer Dichtung; einer der Gründe, warum sie in Israel als Autorin nicht Fuß fassen kann. Im deutschen Sprachraum bleibt sie vergessen. Ein größeres Publikum findet Lola Landau erst wieder mit der Veröffentlichung ihrer Biografie „Meine drei Leben“ 1987. Drei Jahre später stirbt sie 97jährig in Jerusalem.

Armin T. Wegner im Exil

Armin T. Wegner verbringt die ersten Jahre seines italienischen Exils in Positano, einem kleinen an der Küste der Provinz Salerno gelegenen Ort, in dem auch der Schriftsteller Stefan Andres bis 1949 wohnt und arbeitet.

Ab 1940 lebt er mit der Künstlerin Irene Kowaliska zusammen, die Beiden heiraten 1942. Sie ist eine ehemalige Schulkameradin und gute Freundin der Schriftstellerin Erika Mitterer (1906 – 2001), die die Zeit des Nationalsozialismus in Wien überdauert und zu den bekannten VertreterInnen der Literatur der inneren Emigration zählt.

Auf dem ersten deutschen Schriftstellerkongress nach dem Krieg, er findet 1947 in Berlin statt, hält man Armin T. Wegner für tot. Ebenso wird er von F. C. Weiskop in dem 1948 veröffentlichten Buch „Unter fremden Himmeln. Ein Abriß der deutschen Literatur im Exil 1933-1947“ unter die Toten gereiht.

Sein Weg führt vom gefeierten Literaten zu einem im deutschen Sprachraum lange Zeit nahezu Vergessenen. Aus dem Jahre 1972 ist seine Aussage überliefert: „Mir geht es gut … meinem Werk nicht!“

1967 wird Armin T. Wegner in Israel von der Gedenkstätte Yad Vashem als einer der „Gerechten der Völker“ geehrt.

Armin T. Wegner stirbt im Alter von fast 92 Jahren am 17. Mai 1978 im Exil in Rom. Seine Asche wird 1996 nach Jerewan überführt und er erhält dort posthum ein Ehrenbegräbnis.

Literatur von und über Armin T. Wegner und Lola Landau

  • Zahlreiche Werke von Armin T. Wegner und der Briefwechsel zwischen ihm und Lola Landau wurden im Wallstein Verlag wieder aufgelegt.
  • Lola Landau: Positano oder der Weg ins dritte Leben. Zwei autobiographische Anekdoten. Das Arsenal – Verlag für Kultur und Politik, Berlin 1995.
  • Landau, Lola / Wegner, Armin T.: Welt vorbei. Abschied von den sieben Wäldern. Der KZ-Briefwechsel 1933/1934. Berlin: Das Arsenal – Verlag für Kultur und Politik, 1999.
  • Lola Landau: Vor dem Vergessen : meine 3 Leben, Ullstein 1987
  • Armin T. Wegner. Schriftsteller – Reisender – Menschenrechtsaktivist. Eine Publikation der Armin T. Wegner Gesellschaft zu seinem 125. Geburtstag, Göttingen 2011.
  • Reinhard M. G. Nikisch: „Armin T. Wegner“. Ein Dichter gegen die Macht – Grundlinien einer Biographie des Expressionisten und Weltreporters Armin T. Wegner (1866 – 1978). Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1982.
  • Thomas Hartwig: Die Armenierin. Dokumentarischer Roman über Armin T. Wegner und seine Erlebnisse in Konstantinopel und Anatolien. SALON Literaturverlag, München 2014.
  • Martin Rooney: Leben und Werk Armin T. Wegners (1886–1978) im Kontext der sozio-politischen und kulturellen Entwicklungen in Deutschland. Verlag Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1984.
  • Jürgen Serke: Armin T. Wegner. Der Dichter, der in Deutschland blieb und Hitler trotzte. In: Die verbrannten Dichter. Beltz & Gelberg, Weinheim 1977.

Weiterführende Links

Das Beitragsfoto zeigt die Büste von Armin T. Wegner in „Allee der Dankbarkeit“ (Alley of Gratitude) in Eriwan. Es ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“. Name:Armineaghayan, via Wikimedia.

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