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Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941)

Exilliteratur – Teil 14: Max Herrmann-Neiße

Aus dem Gedicht von Max Herrmann-Neiße „Der Zaungast“

Sogar das bisschen Schein von einem Rang / zerrann und ließ mich vor der Welt nichts gelten. / Durch der Jahrzehnte Auf- und Niedergang / bleib ich der Ungebetne vor den Zeiten.

Foto von Max Herrmann-Neiße

Der Außenseiter Max Herrmann-Neiße

Max Herrmann wird 1886 geboren. Bereits in seiner Schulzeit als Gymnasiast verfasst er Gedichte und Theaterstücke. Er studiert Literatur- und Kunstgeschichte in Breslau und München und entschließt sich in seiner schlesischen Heimatstadt Neiße / Neisse, dem heutigen Nysa, als „freier Schriftsteller“ zu leben. Ab 1911 veröffentlicht Max Herrmann seine Lyrik in der Zeitschrift „Die Aktion“ und im darauffolgenden Jahr im „Pan“, zwei der damals wichtigsten Publikationen für moderne Literatur.

Im Ersten Weltkrieg nimmt er von Beginn an einen pazifistischen Standpunkt ein. Die Kriegsfolgen führen zum wirtschaftlichen Ruin seiner Eltern. Sein Vater wird 1916 zu Grabe getragen, die Mutter stirbt ein Jahr später durch eigene Hand. Nach dem Tod seiner Eltern heiraten Max Herrmann-Neiße und Leni Gebek. Max Herrmann ergänzt seinen Namen mit Neiße und das Ehepaar übersiedelt 1917 nach Berlin.

Neben vielen Gedichten veröffentlicht Max Herrmann-Neiße Romane, Erzählungen, Texte fürs Theater und Kabarett. Er arbeitet als Literatur- und Theaterkritiker und wird im Laufe der 20er Jahre zu einem der anerkanntesten Schriftsteller seiner Zeit.

Sein Freund George Grosz und viele weiteree Künstler wie Ludwig Meidner, Otto Dix oder Oskar Kokoschka porträtieren Max Herrmann-Neiße.

Über seine Besuche bei George Grosz schreibt er

„Ganz zu Hause fühlte ich mich stets auch bei George Grosz. Wir hatten ungefähr dieselbe Gesinnung und Stimmung, dieselbe Sammlerneigung … Wir waren beide sowohl Lyriker als Zyniker, korrekt und anarchisch! Ich saß ihm unzählige Male herzlich gern (Modell), war in seinem Atelier selig geborgen … Er arbeitete an meinem Porträt mit einer Sorgfalt, die das Schaffen ganz ernst nahm.“

Eines dieser von Georg Grosz geschaffenen Bilder ist 1937 in der NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ im Münchner Hofgarten zu sehen.

Wenn er einer der häufigst porträtierten Literaten seiner Zeit ist, so kann seine Frau Leni Gebek dank „Macke“, wie seine Berliner Freunde den Schriftsteller nennen, als eine der „umdichtetsten“ Frauen der deutschsprachigen Literatur bezeichnet werden.

Wir wollen näher aneinander rücken,
Noch näher .. so! nun gib mir Deine Hand!
Sahst Du im Sonnenstrahl den Tanz der Mücken,
Bis ihnen, allzu schnell, die Sonne schwand …
Mich fröstelt noch – auch meines, Deines Lebens
Tänzelnde Spiele sterben bald in Nacht! –
Noch faß ich Dich und halte Dich –- vergebens!
Die Stunde eilt, da wir uns, jäh erwacht,
Nach dieses Traumes Glück noch trunken bücken ..
Vorbei! – einsam, wie kalt! – Die Sonne schwand!
Wir wollen näher aneinanderrücken,
Noch näher .. so! – Und gib mir Deine Hand.

In seinem biografischen Essay „Trauer und Trotz“ blickt Max Herrmann-Neiße 1928 zurück:

Der harte, gewalttätige, böse Grundanstoß, der sozusagen meine Wunde zum Bluten brachte, das erste wirklich schwere Leid, das mich zum Dichter schlug, war das Erlebnis missgestalteter Körperhaftigkeit, des Verwachsenseins.

Max Herrmann-Neiße – Exil und Tod

Einem Freund schreibt Max Herrmann-Neiße: „Ich könnte ja auch ein anerkannter deutscher Lyriker jetzt werden, mit meiner Naturlyrik und meiner uralten schlesischen Bauernahnenreihe, aber ich brächte es nicht über mich, auch nur stillschweigend mich fördern zu lassen von einem System, das für mich das wahrhaft teuflischste ist.“

Kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 verlässt Max Herrmann-Neiße gemeinsam mit seiner Frau Deutschland und emigriert über die Schweiz, Holland und Frankreich nach London.

Nach der Gleichschaltung des deutschen P.E.N. durch die Nationalsozialisten initiiert Max Herrmann-Neiße gemeinsam mit Lion Feuchtwanger, Ernst Toller und Rudolf Olden den „Deutschen P.E.N.-Club im Exil“. Gemeinsam mit dem englischen P.E.N. gelingt es 1938/39, einer Reihe von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aus Österreich und der Tschechoslowakei die Ausreise nach Großbritannien zu ermöglichen. Der Exil-P.E.N. existiert noch heute unter dem Namen „P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland“.

Die Erfahrungen und das Leid des Exils lassen Max Herrmann-Neiße 1938 folgende Zeilen niederschreiben:

Wieder musst du durch die Welten fahren, / überall verfemt und abgelehnt, / auch in deinen letzten Lebens-jahren / ohne das, wonach dein Sinn sich sehnt, / dort noch, wo sie dir ein Obdach geben, / flüchtig nur geduldet, unbekannt, / immer scheu und wie auf Abbruch leben, / bis es aus dem Leben dich verbannt.

Aus dem Gedicht Auf Abbruch.

Für seine konsequente Haltung zahlt Max Herrmann-Neiße einen hohen Preis: Seine Werke gehen 1933 bei den Bücherverbrennungen im Deutschen Reich in Flammen auf; im Londoner Exil lebt er isoliert, hat kaum mehr die Möglichkeit zur Veröffentlichung. Mit seiner Frau und dem Schweizer Juwelier Alphonse Sondheimer lebt er in einem schwierigen Dreiecksverhältnis. Letztlich wird er vergessen, ist für viele Jahre aus der Erinnerung der literaturinteressierten Öffentlichkeit nahezu gelöscht.

In den letzten Jahren hat sich der Boer Verlag um das Werk von Max Herrmann-Neiße verdient gemacht und eine Reihe seiner Bücher wieder aufgelegt. Weitere über den Buchhandel zu beziehenden Publikationen von Max Herrmann-Neiße sind die Audio-CD „Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen“ – ein akustisches Porträt aus dem Kaleidophon Verlag oder die beiden im Verbrecher Verlag erschienenen Bände mit Briefen. In ihnen wird nicht nur die Welt des Exils lebendig, man erfährt neben Persönlichem, ja Intimen, viel über Theater, Literatur und Politik, sodass man diese Edition durchaus auch als eine kleine Kulturgeschichte der Weimarer Republik lesen kann.

In den Jahren des Exils veröffentlicht Max Herrmann-Neiße einen einzigen Gedichtband, er erscheint in einer Auflage von 500 Exemplaren im Schweizer Verlag Oprecht und trägt den Titel Um uns die Fremde. Mit Gedichten aus seinem Nachlass bringt seine Frau Leni 1941 den Band Letzte Gedichte heraus.

Litanei der Bitternis:
Bitter ist es, das Brot der Fremde zu essen,
bittrer noch das Gnadenbrot,
und dem Nächsten eine Last zu sein.
Meine bessren Jahre kann ich nicht vergessen;
doch nun sind sie tot,
und getrunken ist der letzte Wein.

Max Herrmann-Neiße stirbt mit 54 Jahren im englischen Exil an einem Herzinfarkt. Leni Herrmann heiratet nach dem Tod ihres Mannes Alphonse Sondheimer und nimmt sich nach dessen Tod, 1960, das Leben.

Heinrich Mann schreibt über die Lyrik Max Herrmann-Neißes:

In seinen letzten Gedichten lese ich manchen Abend und bin von ihrem Zauber befangen. Das Auffallendste: Es sind neue Töne; dieser wunderbare Dichter wirkt zuletzt mit geheimnisvollen Künsten auf mich ein. Eher noch wird es keine bewusste Erneuerung seines Talentes sein, sondern die Ahnung des Endes, dem die höchste Aufklärung über das eigene Schicksal vorausgeht, mit der Fähigkeit, es mitzuteilen, eindringlicher als je zuvor.

Die letzte Ruhe findet Max Herrmann-Neiße auf dem Marylebone Cemetery im Norden Londons.

Max Herrmann-Neiße – weiterführende Links

Die verbrannten Dichter – Max Herrmann-Neiße
Max Herrmann-Neiße im Deutschlandfunk: „Wir ohne Heimat irren so verloren …“
Deutsche Lyrik – Max Herrmann-Neisse zum Nachhören

Fotoquelle: Porträt von Max Herrmann-Neiße, fotografiert von Max Glauer, gemeinfrei.

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