Exilliteratur
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Alex Wedding – Grete Weiskopf

Exilliteratur – Teil 11: Alex Wedding

„Es gilt, um eine Ordnung des Friedens und der Menschlichkeit zu kämpfen. In Wort und Tat. Auch mit humanistischen, künstlerisch wertvollen Kinderbüchern.“ Alex Wedding (Grete Weiskopf)

Gedenktafel für Alex Wedding in Salzburg 1905 in Salzburg als Margarethe Bernheim in kleinbürgerlich-jüdischem Milieu geboren, verlässt sie mit 17 Jahren ihr Elternhaus. Sie zieht nach Innsbruck, mietet dort ein Zimmer bei einer Eisenbahnerfamilie und arbeitet in einem Warenhaus. Dank ihrer Vermieter kommt sie mit dem Leben und den Ansichten von Arbeiterinnen und Arbeitern in Kontakt. Über diese Zeit schreibt sie: „Oft saß ich abends mit meinen Quartiergebern zusammen und fragte sie über ihr Leben aus, nach Dingen, die sie kannten und die ich wissen wollte. Durch meine Eisenbahnerfreunde lernte ich die Kraft und Größe der arbeitenden Menschen kennen und schätzen …”

1925 folgt sie ihrer Schwester nach Berlin. Den Lebensunterhalt verdient sie sich unter anderem als Stenotypistin, Buchhändlerin und freie Journalistin.

Im legendären Malik-Verlag ihres Schwagers Wieland Herzfelde – der Verlag wurde nach einem Roman von Else Lasker-Schüler, „Der Malik“, benannt – lernt sie ihren Ehepartner, den in Prag der österreichisch-ungarischen Monarchie geborenen Schriftsteller Franz Carl Weiskopf kennen.

Alex Wedding schreibt ihr erstes Kinderbuch

Ihren Debütroman „Ede und Unku“ veröffentlicht sie 1931 unter dem Pseudonym Alex Wedding. Mit diesem Pseudonym nimmt sie auf zwei für die Berliner Arbeiterbewegung bedeutungsvolle Orte Bezug: den Alexanderplatz, den zentralen Treffpunkt der Arbeiterschaft, und den (roten) Wedding, jenen Bezirk, in dem bei Wahlen in der Weimarer Republik die KPD und die SPD traditionell die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen konnten.

Der Roman „Ede und Unku“ beruht auf den Erlebnissen des Sinti-Mädchens Erna Lauenburger, die den Spitznamen Unku trägt. Er schildert die Freundschaft zweier Kinder im Berlin der 1920er Jahre. Eine Geschichte über Solidarität, die Infragestellung konservativ-autoritärer Familienverhältnisse und über Mädchen, die sich durchzusetzen verstehen.

Erna Lauenburger wird 1943 als „Zigeunerin“ mit ihren beiden Kindern nach Auschwitz deportiert und ermordet. Von den elf namentlich erwähnten Sinti, die in dem Buch vorkommen, überlebt nur eines der Kinder die Jahre bis 1945.

Anlässlich des Tages des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus in Berlin Friedrichshain wird 2011, 66 Jahre nach Kriegsende, ein Weg als Ede-und-Unku-Weg benannt.

Alex Wedding geht ins Exil und ihr Romanerstling geht in Flammen auf

Alex Wedding ist 28, als ihr zwei Jahre zuvor im Malik-Verlag erschienenes Buch „Ede und Unku“ im Zuge der „Aktion wider den undeutschen Geist“ neben den Werken von mehr als hundert weiteren Autorinnen und Autoren am 10. Mai 1933 am Opernplatz in Berlin, dem heutigen Bebelplatz, in Flammen aufgeht.

Schon zuvor, gleich nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933, flüchtet das als Juden und Kommunisten doppelt gefährdete Ehepaar nach Prag. Franz Carl Weiskopf arbeitet dort als Chefredakteur der „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ (AIZ), in der auch Alex Wedding Erzählungen veröffentlicht und die Kinderseite gestaltet.

1936 erscheint, wieder im Malik-Verlag, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Londoner Exil befindet, „Das Eismeer ruft“. Es ist das zweite Kinderbuch von Alex Wedding. In diesem verarbeitet sie ebenfalls eine wahre Begebenheit: den Untergang des sowjetischen Forschungsschiffes „Tscheljuskin“ und die dramatische Rettung der auf einer Eisscholle gestrandeten Besatzungsmitglieder und Passagiere. In diesem Abenteuerroman für Kinder brechen fünf Arbeiterkinder aus Prag auf, um den Schiffbrüchigen zu helfen. Der Weg nach Norden ist für die fünf allerdings um einiges schwieriger als gedacht. Die Rettung der in der Tschuktschensee vom Eis Eingeschlossenen muss letztlich ohne die Hilfe der Kinder vonstatten gehen. „Das Eismeer ruft“ ist ein lebendiger und humorvoller Bericht über Solidarität und Freundschaft in einer schwierigen Situation.

Als die Deutsche Wehrmacht im März 1939 die Hauptstadt der Tschechoslowakischen Republik besetzt, führt die Flucht Alex Wedding und F.C. Weiskopf weiter nach Frankreich. Wenige Monate später, das Ehepaar befindet sich anlässlich eines Schriftstellerkongresses in den USA, beginnt mit dem Überfall des Deutschen Reichs auf Polen am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. An eine Rückkehr nach Europa ist vorerst nicht mehr zu denken.

Nach dem Ende des Krieges kehren Alex Wedding und ihr Mann nach Prag zurück. Er vertritt die Tschechoslowakei in den nächsten Jahren in Washington, Stockholm und Peking auf dem „diplomatischen Parkett“. Im Juli 1952 wird er nach Prag zurückgerufen, es kommt zu seiner kurzzeitigen Verhaftung und zu Vernehmungen im Zusammenhang mit dem Slánský-Prozess.

Alex Wedding kehrt nach Berlin zurück

Die Erkenntnis, dass es nach den Jahren des Faschismus unmöglich ist, als deutschsprachige/r AutorIn in der Tschechoslowakei zu wirken, ist einer der Gründe, die die Weiskopfs 1953 nach Ost-Berlin führt.

Über all die Jahre bleibt Alex Wedding ihrem Metier treu und schreibt eine Vielzahl weiterer Kinderbücher. In ihnen zeigt sie die Protagonistinnen und Protagonisten immer als starke, mutige Individuen und ist darauf bedacht, dass Mädchen und Buben gleichermaßen zu Wort kommen.
Insbesondere in der DDR setzt sie sich mit großem Engagement für eine neuartige, ideenreiche und anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur ein. 

Über ihre Motivation als Kinderbuchautorin schreibt Alex Wedding: „Als einen der anziehendsten und liebenswertesten Charakterzüge am Menschen schätze ich die Kindlichkeit. Ich liebe sie bei Erwachsenen, und ich liebe sie bei jenen, die sie im höchsten Maß besitzen: bei den Kindern. Deshalb wählte ich gerade sie zu meinen Lesern. Ich wollte ihren Gefühlen, ihren naiven und ernsten Erlebnissen, ihren Wünschen und Wunschträumen, denen sie selbst noch nicht Ausdruck verleihen können, Form geben. Ich wollte ihnen ein wahres Bild des Lebens vermitteln und sie lehren, für die beste Sache der Welt, für den Fortschritt, Partei zu ergreifen. Meinen Entschluß, für Kinder und Jugendliche – für unsere Zukunft zu schreiben, habe ich nie bereut.“

Nach dem Tod ihres Ehepartners Franz Carl Weiskopf 1955 widmet sich Alex Wedding neben dem eigenen Schaffen auch der Herausgabe seiner Werke.

Alex Wedding stirbt 1966 und findet neben ihrem Mann auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde die letzte Ruhe. Berlin würdigt die Autorin mit der Alex-Wedding-Straße, nur wenige Gehminuten vom Alex (Alexanderplatz) entfernt. Salzburg erinnert an Alex Wedding mit einer Gedenktafel an ihrem Geburtshaus am Markartplatz Nr. 7.

Literatur von Alex Wedding

Cover des Hörbuches Hörbuch Ede und Unku„Ede und Unku & Das Eismeer ruft“ sind in einem Doppelband als Taschenbuch im Verlag Bild und Heimat erschienen. Der Titel „Ede und Unku“ liegt auch als Hörbuch, eingelesen von Heike Makatsch und bei MEDIA Net-Edition veröffentlicht vor. Beide Publikationen sind mit Stand August 2021 über den Buchhandel erhältlich.

Weitere, allerdings vergriffene Bücher von Alex Wedding.

Alex Wedding: Söldner ohne Sold – Ein Roman für die Jugend. Ab der 2. Auflage veröffentlicht unter dem Titel Das große Abenteuer des Kaspar Schmeckt, Dietz Verlag 1948.

Alex Wedding: Die Fahne des Pfeiferhänsleins, Dietz Verlag 1948.

Alex Wedding: Das eiserne Büffelchen. Ein Jugendroman aus dem heutigen China, Verlag Neues Leben 1952.

Alex Wedding: Die Drachenbraut – Chinesische Volksmärchen, Der Kinderbuchverlag 1954.

Alex Wedding: Schatz der Erde und weißer Schnee, Der Kinderbuchverlag 1961.

Alex Wedding: Die Geschichte von der kleinen Schildkröte und den Goldfinken – Nach einer Fabel aus Ghana, Verlag Alfred Holz 1963.

Alex Wedding: Hubert, das Flußpferd, Der Kinderbuchverlag 1963.

Alex Wedding: Im Schatten des Baobab, Verlag Alfred Holz 1965.

Fotoquelle: Beitragsbild: Grab des Ehepaars Grete und Franz Carl Weiskopf auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin. Foto von SpreeTom. Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert.
Foto im Beitrag: Gedenktafel am Geburtshaus von Alex Wedding/Grete Weiskopf in Salzburg. Autorin: Geolina163. Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
Cover des Taschenbuches: Alex Wedding: Ede und Unku & Das Eismeer ruft via Verlag Bild und Heimat, Cover des Hörbuches „Ede und Unku“ via MEDIA Net-Edition.

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