Exilliteratur
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80 Jahre Bücherverbrennung in Salzburg

Ein Gedenkort am Residenzplatz

Heute Abend wurde das Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung in Salzburg auf dem Residenzplatz enthüllt. Entworfen wurde es von Fatemeh Naderi und Florian Ziller.

Es ist 2,40 Meter mal 2,40 Meter groß, hat die Höhe einer Sitzbank und kann gerne zum Verweilen und Reflektieren genutzt werden. Durch eine Glasplatte sichtbar ist das Skelett eines Buches und der folgende Hinweis:

„30. April 1938 Bücherverbrennung
Book Burning
Gegen das Vergessen
Never Forget“

30. April 1938

„Heute 20 Uhr Residenzplatz! Durch die symbolische Verbrennung jüdischer und klerikaler Bücher am Vorabend des Tages der deutschen Arbeit soll der Anbruch der nationalsozialistischen Revolution auch auf geistigem und kulturellem Gebiete zum Ausdruck gebracht werden. Das deutsche Salzburg ist zur Stelle! Heil Hitler!“ (Salzburger Volksblatt, 30. April 1938)

Nur wenige Wochen nach dem „Anschluss“, findet am Residenzplatz in der Salzburger Altstadt, wie lange Zeit angenommen, die einzige nationalsozialistische Bücherverbrennung in Österreich, der damaligen Ostmark, statt. Circa 1.200 Bücher aus Leihbüchereien, Buchhandlungen und privaten Haushalten bilden das Brennmaterial für den Scheiterhaufen. “Wie jüngere Forschungen ergaben, war sie aber nicht die einzige: Weitere Bücherverbrennungen im Jahr 1938 sind etwa aus Thalgau, Linz, Steyr, Villach und Bregenz bekannt.” Salzburg24

Der Spiritus Rector der Aktion ist der Lehrer, Schriftsteller und SS Mann Karl Springenschmid. Als Landesrat für Erziehung und Volkspropaganda übt er ab März 1938 maßgeblichen Einfluss auf die Politik im Gau Salzburg aus.

10. Mai 1933 – das Vorbild

Dem Salzburger Autodafé gehen im Deutschen Reich die Bücherverbrennungen rund um den 10. Mai 1933 voraus. Bereits damals landen die Werke österreichischer SchriftstellerInnen und Intellektueller auf den Scheiterhaufen: Neben vielen anderen AutorInnen: Franz Werfel, Joseph Roth, Gina Kaus, Sigmund Freud, Bertha von Suttner, Alexander Lernet Holenia, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder die in Salzburg geborene Alex Wedding.

Die in Wien erscheinende „Reichspost – Unabhängiges Tagblatt für das christliche Volk“ äußert sich über die Bücherverbrennungen bei den deutschen Nachbarn am 17. Mai 1933 folgendermaßen: „Man kann in der Nationalsozialistischen Kunst und Literaturrevolution mancherlei kreuzende Strömungen und Gegenströmungen beobachten. Die eine, die innerhalb kurzer Zeit die die deutsche Volksseele vergiftende Asphalt- und Zersetzungsliteratur fremdrassiger und einheimischer Provenienz weggeschwemmt hat, ist im Namen deutscher Würde und Ehre wärmstens zu begrüßen.“

Austrofaschismus und Zensur

Der Austrofaschismus (1934 – 1938) leistet in Österreich, nicht zuletzt durch seine Zensurmaßnahmen, gegen linke AutorInnen eine gründliche Vorarbeit im Sinne des Nationalsozialismus.

Gisela Kolar schreibt in ihrer Diplomarbeit „Ein ‚Vorspiel‘: Die Wiener Arbeiterbüchereien im Austrofaschismus“: „Das Verbot der sozialdemokratischen Partei (1934) eröffnet der ‚Zentralstelle für Volksbildung‘ (ZV) im Unterrichtsministerium (BMU) neue Möglichkeiten und bringt erweiterte Aufgaben mit sich: Das bedeutete oder bedingte eine massenhafte Säuberung von Büchereien landauf, landab und seien es Büchersammlungen kleiner Freiwilliger Feuerwehren. Es mussten hunderte und aberhunderte sozialdemokratische Bildungseinrichtungen – hier Büchereien – die als Vereine existierten, aufgelöst und liquidiert werden. Es mussten Lokale geschlossen, Miet- und Personalverträge gelöst und allfälliges Vermögen beschlagnahmt und verwertet werden. Volks- und Arbeiterbüchereien mussten gesichtet werden, und ‚unerwünschte‘, aber nicht zwangsweise ‚verbotene‘ Literatur war auszusondern.‘“

Die Salzburger „Spielart“ der Bücherverbrennung

Anders als bei den Bücherverbrennungen 1933 legen die Verantwortlichen in Salzburg den Schwerpunkt nicht nur auf die Vernichtung der Literatur linker, pazifistischer und jüdischer AutorInnen. Ihr Augenmerk gilt auch der Auslöschung des Schrifttums aus dem katholischen, austrofaschistischen und legitimistischen Bereich.

Die Aktion unterscheidet sich noch in einem weiteren Punkt von ihrem deutschen Vorbild aus dem Jahre 1933. Nicht StudentInnen wie im Deutschen Reich, sondern die Hitlerjugend (HJ) ist für das Heranschaffen der Bücher zuständig.

Karl Springenschmid formuliert in seiner Feuerrede programmatisch: „Verbrannt, vernichtet sei alles, was an klerikaler Knechtung und jüdischer Verderbnis den Aufbruch einer wahrhaft deutschen Kultur behinderte.“ (Salzburger Volksblatt, 2. Mai 1938)

Damit der Eindruck entsteht, im Namen der ganzen „Volksgemeinschaft“ zu handeln, werfen zwei Mitglieder der HJ, zwei Schüler und jeweils ein Arbeiter, Bauer, Musiker, Soldat sowie ein SA- und ein SS Mann Bücher in die Flammen und rufen dabei einen von zehn Feuersprüchen.
Widerstand und Verfolgung

Einer dieser Feuersprüche wird Joseph August Lux, Präsident des Salzburger Schriftsteller- und Journalistenverbandes, gewidmet: „Josef August Lux schrieb dieses Buch ‚Österreich über alles!‘ Nein, niemals! Hoch steht uns Österreich, die Heimat. Doch höher, über allem steht Deutschland, das Vaterland. Nicht ,Österreich über alles‘, Herr Josef August Lux, Deutschland über alles!“

Lux bekennt sich dezitiert zum Katholizismus, steht weltanschaulich dem Austrofaschismus nahe und tritt für ein selbstständiges Österreich ein. Dies führt zu seiner Verhaftung durch die Gestapo als „klerikal austrofaschistischer“ Schriftsteller. Bereits mit dem ersten „Prominententransport“ wird er ins KZ Dachau deportiert. Nach seiner Freilassung einige Monate später erhält er bis zum Ende des nationalsozialistischen Regimes 1945 ein Publikationsverbot.

In den weiteren Feuersprüchen werden unter anderem Stefan Zweig, Max Reinhardt, Otto von Habsburg und Kurt Schuschnigg genannt.

Viele österreichische AutorInnen distanzieren sich vom Nationalsozialismus und nehmen Verfolgung, Exil oder innere Emigration auf sich.

Wendehälse und ÜberzeugungstäterInnen

So mancher Wendehals hängt sein Fähnlein nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht nach dem Wind. Andere zeigen nun ganz offen ihre zuvor mehr oder weniger verborgene nationalsozialistische Gesinnung.

1938 veröffentlicht der NS nahe „Bund deutscher Schriftsteller Österreichs“ das „Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“. In ihm begrüßen über sechzig österreichische AutorInnen begeistert den Anschluss, so auch Josef Weinheber, Paula Grogger, Karl Heinrich Waggerl und Franz Karl Ginzkey.

Und danach …

Einige dieser AutorInnen werden trotz ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit das literarische Leben in Österreich nach 1945 nicht unwesentlich mitprägen.

So erhält Max Mell, in der Zeit des Austrofaschismus Präsident des „Bundes deutscher Schriftsteller Österreichs“ und ab 1938 in diversen NS Anthologien vertreten, nur neun Jahre nach Kriegsende den „Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur“.

Auch Franz Karl Ginzkey, sein „Hatschi Bratschis Luftballon“ ist heute noch vielen ein Begriff, wird ab Anfang der 1950er Jahre mit Preisen und Ehrungen nahezu überhäuft. 1968 benennt die Stadt Salzburg einen Platz nach ihm. Dieser befindet sich auf einem Teil des ehemaligen Lagers Glasenbach. Dort sind nach dem Zweiten Weltkrieg verdächtige NSDAP-, SA- und SS Mitglieder sowie mutmaßliche Kriegsverbrecher interniert. Das von den Amerikanern geführte Lager ist das größte seiner Art in Österreich. Bis zu seiner Auflösung im Jänner 1948 durchlaufen es circa 20.000 Menschen. Aus den Reihen der ehemaligen „Glasenbacher“ rekrutiert das sogenanntes „Dritte Lager“ spätere Politiker und Führungskräfte.

Ebenfalls symptomatisch für die unzureichende Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus nach 1945 ist der Lebensweg Friedrich Schreyvogls. Er entwickelt sich vom katholisch nationalen „Vorzeigeautor des Austrofaschismus“ zu einem Apologeten des Nationalsozialismus. Der ehemalige „Säckelwart“ des „Bundes deutscher Schriftsteller Österreichs“ bleibt auch nach dem Ende des „Tausendjährigen Reiches“ im Literaturbetrieb gut vernetzt. Seine letzte Ruhestätte findet er im Ehrenhain am Wiener Zentralfriedhof.

Der lange Weg zum Gedenken

Jahrzehntelang wird das Gedenken an die Bücherverbrennung in Salzburg unter den sprichwörtlichen Teppich gekehrt. Erst 1987, fast fünfzig Jahre nach den Ereignissen am Residenzplatz, erinnert die „Salzburger Autorengruppe“ erstmals wieder an die Bücherverbrennung in der Mozartstadt. Erich Fried gedenkt in seiner Rede nicht nur der Vergangenheit, sondern spricht auch ein drängendes Problem der Gegenwart an: „Und bloß die Bücherverbrennung zu verdammen und nicht zu kämpfen, das genügt nicht einmal, um neue Bücherverbrennungen zu verhindern, und das genügt nicht, um die Verbrennung der ganzen Welt zu verhindern.“

Es dauert weitere zwanzig Jahre, bis 2007 der Salzburger Residenzplatz ein weiteres Mal zu einem Ort des Erinnerns und der Mahnung wird. Diesmal ist es Robert Schindel, der an die Relevanz der Vergangenheit für unsere Gegenwart und Zukunft erinnert: „Hier stehen wir und gedenken der Bücherverbrennung, indes ununterbrochen in vielen Teilen der Welt Menschen verbrannt werden. Achten wir darauf, dass jene Symbolakte uns nicht und nie den Blick verstellen für die aktuellen Barbareien, die unter unseren Augen geschehen.“

Im November 2011, 66 Jahre nach der Befreiung von der NS Diktatur, wird in Salzburg zur Erinnerung an die Bücherverbrennung an der St. Michaelskirche am Residenzplatz eine Gedenktafel enthüllt.
Anfang 2012 kommt es im Innenhof der Fachbibliothek UNIPARK zur feierlichen Enthüllung des Mahnmals „In Memoriam Bücherverbrennung“ von Zoltan Pap.

Endlich, 80 Jahre nach der Bücherverbrennung, ein Mahnmal am Ort des Geschehens – ein sichtbares Zeichen gegen Hass und Intoleranz, das zum Gedenken an die Opfer und zum Nachdenken über unsere gemeinsame Zukunft anregt.

Warum gedenken?

Am 11. Dezember 1933 hält der Schriftsteller René Schickele in seinem Tagebuch Folgendes fest: „Wenn es Goebbels gelingt, unsere Namen von den deutschen Tafeln zu löschen, sind wir tot. Gespenster in der Diaspora, in der wasserarmen Provinz. Schon die nächste Generation wird nichts mehr von uns wissen.“

Zahlreiche AutorInnen haben Exil und Verfolgung nicht überlebt. Nur wenigen gelingt es nach dem Ende des 2. Weltkrieges, erfolgreich an ihre Arbeit vor 1933 anzuknüpfen.

„Das blutige Rot der Scheiterhaufen ist immergrün. Einen dieser Scheiterhaufen haben wir, mit bloßem Auge, brennen sehen. Ich hatte angesichts des Scheiterhaufens nicht aufgeschrien. Ich hatte nicht mit der Faust gedroht. Ich hatte sie nur in der Tasche geballt. Warum erzähle ich das? […] Weil, immer wenn von der Vergangenheit gesprochen wird, auch von der Zukunft die Rede ist.“
Aus: Erich Kästner „Über das Verbrennen von Büchern“, Ansprache auf der Hamburger PEN-Tagung am 10. Mai 1958.

Beitragsbild: Bücherverbrennung 1933 v. Otto Gerhausen (1881 – 1936) Wikipedia (public domain).

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