Exilliteratur
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Mela Hartwig (1893 – 1963)

Exilliteratur – Teil 3: Mela Hartwig

Mela Hartwig wird 1893 in Wien als Melanie Herzl, Tochter des Kulturphilosophen und Publizisten Theodor Herzl geboren. Zwei Jahre später konvertiert dieser vom Judentum zum Katholizismus. Er ändert zugleich seinen Namen und vollzieht damit auch eine Abgrenzung von seinem Namensvetter, dem Begründer des modernen politischen Zionismus.

Nach der Scheidung der Eltern wächst Mela(nie) gemeinsam mit ihrer Schwester Greta beim Vater auf.
Sie maturiert und absolviert nach einem abgebrochenen Psychologiestudium eine Gesangs- und Schauspielausbildung am Wiener Konservatorium. Zwischen 1917 und 1921 arbeitet Mela Hartwig an einer Reihe von österreichischen Bühnen und wird Mitglied des Ensembles des Berliner Schillertheaters.

Anfang der 20er Jahre heiratet Mela Hartwig den Rechtsanwalt Robert Spira und zieht mit ihm nach Gösting, einen damaligen Vorort der steirischen Landeshauptstadt Graz.

Mela Hartwig polarisiert

Mela Hartwig Inferno 1927 wird Mela Hartwigs Novelle „Das Verbrechen“ im Rahmen eines Wettbewerbs der Zeitschrift „Die literarische Welt“ prämiert. Es ist Alfred Döblin, der als Jurymitglied die Autorin für die Auszeichnung vorschlägt. Was ihm trotz seiner guten Kontakte nicht gelingt, ermöglicht Stefan Zweig. Er vermittelt Mela Hartwig an den Paul Zsolnay Verlag. In der 1928 veröffentlichten Novellensammlung schreibt sie über Frauen in Extremsituationen und scheut dabei auch nicht vor Tabuthemen wie Vergewaltigung, Abtreibung und Inzest zurück. Die Reaktionen auf ihre Premiere am Buchmarkt fallen sehr unterschiedlich aus.

So heißt es in der „Prager Presse“: „Dieses Buch einer Frau ist unsentimental, ethisch fundiert und mutig in der Problemstellung, die Sprache der Erzählerin prägnant und plastisch. Ein erregendes Werk, gelegentlich durch Intellektualität allzu beschwert, jedenfalls ein respektables, unmodisches Debüt.“

In der Zeitschrift „Die schöne Literatur“ wiederum wird das Buch als „scheußliche Wunsch- und Wahn-Erotika eines durch Psychoanalyse verjauchten Gehirns“ diskreditiert.

Auch mit ihrem ersten, 1929 ebenfalls bei Zsolnay veröffentlichten Roman „Das Weib ist ein Nichts“ erregt Mela Hartwig einiges Aufsehen. Das Buch setzt sich in einer Form mit den herrschenden Geschlechterstereotypen und Machtverhältnissen auseinander, die bei vielen RezensentInnen auf Ablehnung stoßen.

Mela Hartwig – Nationalsozialismus und Emigration

Aufgrund der politischen Entwicklung und der damit einhergehenden Veränderungen der Lesegewohnheiten wird der Roman „Bin ich ein überflüssiger Mensch?“ wie auch weitere Manuskripte von Mela Hartwig im Zsolnay Verlag nicht mehr veröffentlicht. Begründet wird die Ablehnung unter anderem folgendermaßen: „Sie wissen, sehr verehrte gnädige Frau, dass das Weltbild des deutschen Lesepublikums und besonders der deutschen Frau heute ein anderes ist als die Lebensanschauung, die aus Ihrem Werke spricht.“

Mela Hartwig Damit bricht die vielversprechende Karriere von Mela Hartwig ab. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kann sie nur mehr die Novelle „Das Wunder von Ulm“, sie versteht das Werk als „wichtige Auseinandersetzung zwischen Judentum und Deutschland“, im Pariser Exilverlag Editions du Phénix veröffentlichen.

Im März 1938 emigrierten Mela Hartwig und ihr Mann nach London. Auch ihre Schwester Grete, eine Sängerin und Schauspielerin, verlässt 1938 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Komponisten Kurt Manschinger, Österreich und erreicht über Brünn und London 1940 die USA. Auch sie ist literarisch tätig, schreibt Gedichte, Texte für ihre One-Women-Shows und einige Opernlibretti für ihren Mann, der sich in den USA Ashley Vernon nennt. 1948 erscheint in Wien „Rendezvous in Manhattan“, ein Roman über das Alltagsleben in New York.

Mela Hartwig erinnert sich 1954 in einem Brief an Wilhelm Sternfeld: „Ich bin 1893 in Wien geboren und musste im März 1938 aus Österreich emigrieren, da mein Gatte Dr. Robert Spira, der Rechtsanwalt in Graz gewesen war, eine Reihe politischer Prozesse gegen prominente Nazis geführt hatte und von der Verfolgung der Nazis bedroht war. […] Außerdem sind wir beide Juden, überdies war ich […] wegen meiner Publikationen, insbesondere wegen einer im Emigrationsverlag Editions du Phénix in Paris 1936 veröffentlichten Erzählung ‚Das Wunder von Ulm‘, in persönlicher Gefahr.“

Die Lebensbedingungen im englischen Exil sind für das Ehepaar in vielerlei Hinsicht schwierig. So wird ihr Mann, nach dem Beschluss der britischen Regierung, alle männlichen Emigranten aus dem Deutschen Reich als „feindliche Ausländer“ zu internieren, eine Zeit lang im Lager auf der Isle of Man festgehalten. Sie arbeitet als Lehrerin und übersetzt unter anderem Wiliam Blake und Paul Verlaine ins Deutsche. Mit Virginia Woolf, die sich erfolgreich für die Entlassung von Robert Spira aus dem Internierungslager einsetzt, ist Mela Hartwig bis zu deren Tod 1941 freundschaftlich verbunden. Literarischer Erfolg wie Ende der 20er Jahre stellt sich nicht mehr ein.

Nach zehn Jahren Exil in Großbritannien sieht das Ehepaar die alte Heimat erstmals wieder und erkennt, im Nachkriegsösterreich nicht willkommen zu sein. Sie besuchen später noch einige Male Österreich. Heimisch werden sie hier nicht mehr.

Für ihre beiden Romane „Der verlorene Traum“ und „Das Inferno“, die noch im ersten Jahrzehnt des Exils entstehen, findet sich kein Verlag. Lediglich einige wenige kleine Arbeiten werden veröffentlicht. So erscheinen zwei Gedichte von Mela Hartwig in der von Ernst Schönwiese herausgegebenen österreichischen Literaturzeitschrift „Das Silberboot“ und 1953 wird der kleine Gedichtband „Spiegelungen“ mit zwei Illustrationen von Alfred Wickenburg bei Gurlitt verlegt.

Mela Hartwig widmet sich von nun an intensiv der Malerei und schreibt 1954 in einem Brief an Wilhelm Sternfeld: „Da die Zeitverhältnisse nicht günstig sind für Veröffentlichungen von Arbeiten eines deutschen Schriftstellers, der in London in deutscher Sprache schreibt, so schaffte sich die damit verbundene künstlerische ‚Frustration‘ ein von der deutschen Sprache unabhängiges Ventil.“

Ihr Mann beschreibt die Entwicklung mit: „Sie hat ganz plötzlich, unter dem Diktat eines unwiderstehlichen Zwanges – zu malen begonnen – seit Weihnachten 1953.“

Nach langer literarischer Pause beginnt Mela Hartwig 1967 den Roman „Die andere Wirklichkeit“. Ihr Tod verhindert dessen Fertigstellung, er bleibt Fragment.

Mela Hartwig stirbt im April 1967 in London. Ihr Mann Robert Spira schreibt wenige Tage vor seinem Freitod an seinen Freund, dem Schriftsteller Felix Braun: „Ich muss Ihnen die tieftraurige Nachricht sagen, dass Mela plötzlich am 24. April nach kurzer Krankheit einem Herzschlag erlegen ist. Sie haben unsere tiefe Verbundenheit gekannt und werden wissen und fühlen, was das für mich bedeutet. Man kann da nicht klagen, nur schweigen.“

Als der Literaturverlag Droschl den Roman „Bin ich ein überflüssiger Mensch?“ siebzig Jahre nach seiner Ablehnung durch den Zsolnay Verlag erstveröffentlicht, leitet er damit eine kleine Renaissance der Autorin Mela Hartwig ein. Das Werk wird von den RezensentInnen mit Interesse aufgenommen und durchwegs positiv besprochen. So meint Bernhard Fetz in der „Neue Zürcher Zeitung“: „Beeindruckend, wie die Autorin den Zusammenhang von Arbeit in labilen Angestelltenverhältnissen, entfremdeter Sexualität und der Massenkultur als Ort verborgener Sehnsüchte und enttäuschter Erwartungen reflektiert. Eine wirkliche Entdeckung.“

Und Hannelore Schlaffer bezeichnet Mela Hartwig in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ noch 2005 in „Mein Herz wird zum Knebel“ als „die literaturhistorische Entdeckung der letzten Jahre“. Gleichzeitig erkennt sie eine der Schwierigkeiten, die Schriftstellerin als wichtige AutorInnen der deutschen Moderne zu etablieren: „Unter einer Leserschaft, die von der Literatur die Möglichkeit zur Identifikation erwartet, werden diese befremdlichen Erzählungen eines weiblichen Masochismus Männern kaum lesenswert erscheinen.“
Obwohl kurz darauf noch der Roman „Das Weib ist ein Nichts“ aus dem Jahre 1929 neu aufgelegt wird und ein Band mit Erzählungen und Novellen erscheint, wird es bald wieder recht still um die Autorin und ihr Werk.

Literatur von und über Mela Hartwig

Mela Hartwig: Das Weib ist ein Nichts, Droschl, 2012
Mela Hartwig: Inferno, Literaturverlag Droschl, 2018
Mela Hartwig: Das Verbrechen, Novellen und Erzählungen, Droschl, 2012
Mela Hartwig: Julya Rabinowich über Mela Hartwig. In zerbrochenen Spiegeln, Mandelbaum, 2017

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