Richard Dehmel (1863 -1920)

Furchtbar schlimm

Vater, Vater, der Weihnachtsmann!
Eben hat er ganz laut geblasen,
viel lauter als der Postwagenmann.
Er ist gleich wieder weitergegangen,
und hat zwei furchtbar lange Nasen,
die waren ganz mit Eis behangen.
Und die eine war wie ein Schornstein,
die andre ganz klein wie’n Fliegenbein,
darauf ritten lauter, lauter Engelein,
die hielten eine großmächtige Leine,
und seine Stiefel waren wie Deine.
Und an der Leine, da ging ein Herr,
ja wirklich, Vater, wie’n alter Bär,
und die Engelein machten hottehott;
ich glaube, das war der liebe Gott.
Denn er brummte furchtbar mit dem Mund,
ganz furchtbar schlimm, ja wirklich; und –

„Aber Detta, du schwindelst ja,
das sind ja wieder lauter Lügen!“

Na, was schad’t denn das, Papa?
Das macht mir doch soviel Vergnügen.
„So? – Na ja.“

Foto von Richard Dehmel

Richard Dehmel

Richard Dehmel wird 1863 in der damaligen Mark Brandenburg im Spreewald nahe Berlin geboren. Er studiert in Berlin Philosophie, Naturwissenschaften und Nationalökonomie. 1887 beendet er sein Studium erfolgreich und arbeitet die nächsten 8 Jahre als Sekretär im Zentralverband Deutscher Privater Feuerversicherungen in Berlin. 1895 gibt er seine Stellung bei der Versicherungsgesellschaft auf und lebte fortan als freier Schriftsteller. Rückblickend meint er über seine Arbeit als Büroangestellter: „Es ist mir wie den Singvögeln ergangen, die meist erst im Käfig ihre volle Stimme entwickeln“.

1886 lernte Richard Dehmel Paula Oppenheimer (Paula Dehmel 1862-1918) kennen, drei Jahre später heiratet das Paar. Die Gedichte, die aus der Begegnung und Liebe dieser zwei Menschen entstehen, veröffentlicht Richard Dehmel in den Bänden „Erlösungen“ (1891) und „Aber die Liebe“ (1893)

Seit wann du mein? ich weiß es nicht:
was weiß das Herz von Zeit und Raum!
Mir ist, als wär’s seit Gestern erst,
daß du erfülltest meinen Traum, –
[…]

Diese beiden Gedichtbände machen Richard Dehmel zu einer führenden Persönlichkeit im literarischen Leben Berlins. Auch seine Ehepartnerin Paula Dehmel ist literarisch tätig und gelangt zu großer Bekanntheit als Kinderbuchautorin. Nähere Informationen finden Sie im Wiener Bücherschmaus auf der Seite Paula Dehmel. In ihrer gemeinsamen Wohnung kommt es zu einem regen Austausch mit KünstlerInnen, LiteratInnen und Intellektuellen. So sind unter anderem Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam, Bertha von Suttner, Peter Hille und Knut Hamsun gern gesehene Gäste.

Komponisten wie Richard Strauss, Jean Sibelius, Hans Pfitzner, Max Reger, Arnold Schönberg, Anton Webern und Kurt Weill vertonten seine Gedichte oder werden durch diese zu Werken angeregt.

Der „Superstar“ Richard Dehmel

Der Einfluss von Richard Dehmel auf die jüngere Dichtergeneration ist groß. Den Status eines „Lyrik Superstars“ der Jahrhundertwende muss er sich nur mit Stefan George teilen. Dieser meinte über das Werk von Richard Dehmel „… zum schlechtesten und widerwärtigsten was mir in die Hände kam“. Richard Dehmel fasste seine Meinung über den Kontrahenten wiederum folgendermaßen zusammen: „George glaubt, die Kunst gepachtet zu haben (…) Jener will die Kunst um der Kunst willen; wir wollen eine Kunst fürs Leben, und das Leben ist vielgestaltig, durchaus kein Tempel für nur Eingeweihte.“

Richard Dehmel lernt seine spätere zweite Frau Ida Auerbach kennen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Tuchhändler und Konsul Leopold Auerbach verheiratet. In ihrem luxuriösen Haus in Berlin hat Sie einen Salon und fördert dort nach Kräften die Künste.

Nachdem Paula Dehmel der Scheidung zustimmt heiraten Richard Dehmel und Ida Auerbach 1901. Sie engagiert sich in Künstlerinnenvereinigungen von Frauen und das Frauenstimmrecht. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts ist das Ehepaar oft auf Vortragsreisen, wo Richard Dehmel neben eigenen Gedichten auch jene anderer Autoren rezitiert.
1903 veröffentlicht er nach siebenjähriger Arbeit „Zwei Menschen. Roman in Romanzen“. Das Werk besteht aus drei Umkreisen mit je 36 Romanzen zu 36 Versen. Es erzählt in Zwiesprache von zwei Liebenden und gilt als sein Hauptwerk.

Richard Dehmel wird angeklagt

Große Aufmerksamkeit erfährt er mit dem Gedichtband Weib und Welt. Das darin befindliche Gedicht „Venus Consolatrix“ vergleicht die biblische Figur der Maria Magdalena mit der römischen Göttin der Schönheit, des Lebens und der Sexualität. Daraufhin erstattet der Schriftsteller Börries von Münchhausen Strafanzeige wegen Blasphemie und Unzucht gegen Richard Dehmel. Letztlich wird er wegen Verletzung von religiösen und sittlichen Gefühlen angeklagt.

Bei Gericht verteidigt er sein Werk: „In dieser Dichtung wird um das Höchste gerungen, worum die Menschheit seit Urzeiten gerungen hat: um die Herrschaft des Geistes über die Triebe. Und ich glaube sagen zu dürfen, dass hier sieghaft gerungen wird. Es ist freilich nicht der Sieg, den der christliche Geist des Mittelalters errang oder der heidnische Geist der Antike; es ist der Sieg einer neuen Humanität. Meine Zeit kann mich dafür verurteilen, die Zukunft wird mich freisprechen.“

Das Gericht entscheidet, die „sündigen“ Textpassagen des Gedichtes (Zeile 24-42) müssen geschwärzt werden.

Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
und nestelte an ihren seidnen Litzen
und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste,
dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
das einst den kleinen Heiland selig machte,
bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
Maria ich, die Nazarenerin –
o sieh, es ist des selben Fleisches Blut,
für das der große Heiland sich erregte,
bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
Maria ich, die Magdalenerin –
komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
und lerne dich erlösen und gesunden!

Neben diesem Aufreger beinhaltet „Weib und Welt“ auch wunderschöne und berührende Naturlyrik. Eines dieser Gedichte trägt den Titel „Manche Nacht“:

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl‘ ich, wird mein Auge heller,
schon versucht ein Stern zu funkeln
und die Grillen klingen schneller,

jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer,

und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten,
plötzlich stehst du überwältigt.

Richard Demel begrüßt den Ersten Weltkrieg

1913 gibt Richard Dehmel unter dem Titel „Schöne wilde Welt“ einen Lyrikband heraus. In einzelnen Gedichten klingen dort nationale Töne an. Damit reiht er sich in die Gruppe jener Literaten ein, die den Krieg begrüßen. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich der nicht mehr junge Richard Dehmel als Freiwilliger.

In den letzten Wochen des Ersten Weltkrieges veröffentliche Dehmel den Aufruf „Einzige Rettung“. Er ruft darin zu einer letzten militärischen Kraftanstrengung unter Einbeziehung eines Freiwilligenheeres auf. Im Herbst des Jahres 1919 erscheint sein Kriegstagebuch „Zwischen Volk und Menschheit“. Er vermischt darin nationalem Pathos und die Forderung nach dauerhaftem Frieden.

Richard Dehmel – Tod und Vergessen

Am 8. Februar 1920 stirbt Richard Dehmel an einer Venenentzündung, die er sich im Krieg zugezogen hat. Trotz aller Bemühungen von Ida Dehmel als Nachlassverwalterin verblasst Richard Dehmels Ruhm rasch. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten verliert Ida Dehmel als Jüdin alle Ämter und wird mit einem Publikationsverbot belegt. Sie stirbt am 29. September 1942 durch eigene Hand.

Fotoquelle:

Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts, Hamburg 1905 (see also Image, Zeno.org, ID-Nummer 20001864742). Urheber Rudolf Dührkoop (1848–1918). Das Foto ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.