Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Foto von Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz – Jugendjahre

Hans Bötticher, der spätere Joachim Ringelnatz kommt 1883 im sächsischen Wurzen zur Welt. Er wächst in einem toleranten Elternhaus auf und entwickelt sich zu einem lebendigen Buben. Unter den Augen des stolzen Vaters trägt er bei Familienfeiern Gedichte und Geschichten vor.

Sein Weg durch die wilhelminischen Bildungsstätten, Professor Unrat und Konsorten lassen grüßen, ist für Joachim Ringelnatz ein schwieriger. In den Lehrern sieht er „respektfordernde Dunkelmenschen“. Zusätzlich führt sein markantes Aussehen zu Hänseleien durch seine Schulkameraden.

Früh flüchtet er in die Welt des Schreibens und Zeichnens und entwickelt familiär vorbelastet seine Doppelbegabung als Schriftsteller, Maler und Zeichner. 1892 verfasst und illustrierte Joachim Ringelnatz sein frühestes erhaltenes Werk: die Landpartie der Tiere, ein Tier-Akrostichon im Stile Wilhelm Buschs.

In der fünften Klasse des Gymnasiums führte der Besuch einer sogenannten „Völkerschau“ zu einem Schulverweis: Später erinnert er sich: „… Ich befand mich in den Pubertätsjahren und konnte mich an den bronzefarbenen, dunkelhaarigen Frauen nicht satt sehen. Da mein kleines Taschengeld für Geschenke nicht ausreichte, entwendete ich zu Hause nach und nach unseren gesamten Christbaumschmuck“. Die Beschenkten danken es Joachim Ringelnatz mit dem Tätowieren eines „H“ auf seinem Unterarm. Letztlich beendet Ringelnatz seine Schulzeit mit der Obersekundareife (7. Gymnasialklasse). Er erhält dadurch die Berechtigung zum „Einjährig Freiwilligen Militärdienst“.

Joachim Ringelnatz fährt zur See

Sein großer Wunsch, Seemann zu werden, geht 1901 in Erfüllung. Sein Vater organisiert ihm eine Lehrstelle auf dem Segelschiff „Elli“. Seine Erfahrungen sind desillusionierend. Der Kapitän nennt ihn „Nasenkönig“, der sächselnde und klein gewachsene Joachim Ringelnatz ist Schikanen und körperlicher Gewalt ausgesetzt. In Britisch-Honduras geht er unerlaubt von Bord. Er wird verraten und wieder auf die „Elli“ gebracht. Erst in Liverpool kann er wieder von Bord gehen. Die nächsten Jahre schlägt er sich abwechselnd als Leichtmatrose und in vielerlei Berufen durch. Zwischendurch ist er immer wieder mit Arbeits- und Obdachlosigkeit konfrontiert. 1903 wird ihm aufgrund seiner Sehschwäche die Arbeit als Matrose untersagt. Trotzdem dient er als Einjährig-Freiwilliger bei der kaiserlichen Marine und kann die Qualifikationsfahrt für den Militärdienst ablegen. Seine Erlebnisse als Matrose veröffentlicht er 1910/1911 im Schiffsjungen-Tagebuch.

Joachim Ringelnatz wird aus dem Militärdienst als Bootsmann entlassen, beginnt eine kaufmännische Lehre und fängt zu schreiben und zu malen an. Das geregelte Leben als Angestellter ist allerdings nichts für ihn. Er geht wieder auf Reisen und endet vorerst als Obdachloser im Gefängnis. Er arbeitet als Schaufensterdekorateur, Fremdenführer und vielen weiteren Berufen.

Joachim Ringelnatz schreibt, malt und arbeitet als „reisender Artist“

1909 kommt er nach München und besucht die Künstlerkneipe Simplicissimus (1903-1992). Dort trifft sich die Boheme: Erich Mühsam, Klabund, Frank Wedekind, Ludwig Thoma, Emmy Hennings, Hermann Hesse und andere. Bald wird er dort zum Hausdichter.

„… Joachim Ringelnatz ist mit seinen Gedichten bei Kathi groß geworden und soll auch mit ihr ein schlampiges Verhältnis gehabt haben. Er sei im Übrigen der Einzige gewesen, der für sich eine feste Gage ausgehandelt haben soll, stolze 5 Reichsmark am Abend. Für ihn ein Vermögen und für die geizige Wirtin jedes Mal ein Akt der Überwindung.“ schreibt Toni Netzle

Allzu große Sprünge kann Joachim Ringelnatz mit dem 5 Mark für sein Engagement im Simplicissimus nicht machen, zumal andere Quellen von 1-2 Bier bzw. 2 Mark pro Auftritt sprechen. Er geht daher unter die Geschäftsleute und gründet das Tabakhaus „Zum Hausdichter“. Das Schaufenster dekoriert er mit einem Gerippe zwischen Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln. Ein Reklameschild wirbt mit folgenden Worten: „Damen und Herren werden auf Wunsch gegen Bezahlung angedichtet … Es grüßt der Hausdichter!“. Das Tabakgeschäft schließt mangels Erfolg nach wenigen Monaten.

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges meldete sich Joachim Ringelnatz als Freiwilliger zur Kriegsmarine. Er wird zu einer Luftabwehr-Maschinengewehrabteilung bei Cuxhaven abgeschoben. Dort hält er in einem Terrarium Blindschleichen, Fröschen, Eidechsen und Ringelnattern.
Über die Quelle seines Pseudonyms „Ringelnatz“ lässt er die Öffentlichkeit zeitlebens im Unklaren.

1920 heirate Joachim Ringelnatz und Leonharda Pieper, die er liebevoll Muschelkalk nennt. Trotz teilweise großer Erfolge ist das Paar nie frei von finanziellen Sorgen. Seine Karriere als Vortragskünstler beginnt in der Berliner Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“. Er arbeitet in den 20er-Jahren als „reisender Artist“ und trägt seine Gedichte in allen großen Städten Deutschlands, in Wien, Prag und Zürich vor. Als Seemann „Kuttel Daddeldu“ begeistert er das Publikum.

Chansonette
War ein echter Prinz und hat Warzen im Bett.
Und kniete vor jeder Schleife.
Vaters Leiche lag auf dem Bügelbrett
Und roch nach Genever und Seife.
Wenn der Pfaffe unter meine Röcke schielt,
Sagt die Alte, werd‘ ich Geld bekommen.
Meinem Bruder, der so schön die Flöte spielt,
Haben sie die Nieren rausgenommen.
Glaubst du noch an Gott? und spielst du Lotterie?
Meine Schwester kommt im Juli nieder.
Doch der Kerl ist ein gemeines Vieh.
Schenk mir zwanzig Mark; du kriegst sie wieder.
Außerdem: ich brauche ein Korsett,
Und ein Nadelchen mit blauen Steinen.
In ein Kloster möcht ich. Oder bei’s Ballett.
Manchmal muß ich ganz von selber weinen.

Aus Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid von Joachim Ringelnatz

Neben seinem literarischen Werk malt Joachim Ringelnatz in den 20er-Jahren zahlreiche Bilder. 1923 findet seine erste Ausstellung in Berlin statt. Insgesamt schreibt er im Laufe seines Lebens fast 20 Bücher: Gedichtbände, zwei Autobiografien, Romane, Bühnenstücke und Kinderbücher.

Joachim Ringelnatz – Nationalsozialismus und Tod

1933 setzen die Nationalsozialisten seine Bücher auf die „Schwarze Liste“, Ringelnatz erhält Bühnenverbot. Schon lange leidet er an einer verschleppten Tuberkulose. Freunde und Freundinnen wie Asta Nielsen, Paul Wegener und Ernst Rowohlt ermöglichen ihm durch einen Spendenaufruf einen Krankenhausaufenthalt. Im Winter 1934 wird er unheilbar krank aus der Lungenheilstätte entlassen und stirbt am 17. November des Jahres. Sein Grab auf dem Waldfriedhof an der Heerstraße deckt eine Platte aus Muschelkalk.

Weiterführende Links:

Joachim Ringelnatz Net
Joachim Ringelnatz Museum
Joachim Ringelnatz Verein

Informationen zum Thema Bücherverbrennung und Exilliteratur finden Sie im Wiener Bücherschmaus im Beitrag Bücherverbrennung 1933 und auf „80 Jahre Bücherverbrennung in Salzburg“.

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Fotoquelle:

Das Foto von Joachim Ringelnatz ist gemeinfrei, da seine urheberrechtliche Schutzfrist von 70 Jahren abgelaufen ist.