Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

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Was schenke ich dem kleinen Michel
zu diesem kalten Weihnachtsfest?
Den Kullerball? Den Sabberpichel?
Ein Gummikissen, das nicht nässt?
Ein kleines Seifensiederlicht?
Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Wähl ich den Wiederaufbaukasten?
Schenk ich ihm noch mehr Schreibpapier?
Ein Ding mit schwarzweißroten Tasten;
ein patriotisches Klavier?
Ein objektives Kriegsgericht?
Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Schenk ich den Nachttopf ihm auf Rollen?
Schenk ich ein Moratorium?
Ein Sparschwein, kugelig geschwollen?
Ein Puppenkrematorium?
Ein neues gescheites Reichsgesicht?
Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Ach, liebe Basen, Onkels, Tanten –
Schenkt ihr ihm was. Ich find es kaum.
Ihr seid die Fixen und Gewandten,
hängt ihrs ihm untern Tannenbaum.
Doch schenkt ihm keine Reaktion!
Die hat er schon. Die hat er schon!

Kurt Tucholsky (1890 – 1935), Theobald Tiger, Ulk, 21.12.1919, Nr. 51.

Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky

Mit dem Weihnachtsfest hat sich Kurt Tucholsky mehr als einmal kritisch und humorvoll auseinandergesetzt. Das Gedicht „Weihnachtsfest“ schreibt er 1919 unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und dessen Folgen für das Leben in der Weimarer Republik.

Hinter dem ersten Fenster unseres Adventkalenders verbirgt sich ebenfalls ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Dort finden Sie auch eine biografische Skizze über Kurt Tucholsky und eine Reihe weiterführender Links. Ein weiteres Gedicht des Autors befindet sich hinter dem Fenster Nummer 11.

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Fotoquelle:

Kurt Tucholsky in Paris, 1928. Die Aufnahme wurde von Sonja Thomassen, in Norwegen lebende Tochter von Lisa Matthias, zur Veröffentlichung unter GNU-FDL freigegeben.