Kurt Tucholsky – Weihnachten 1918

Weihnachten 1918

So steh ich nun vor deutschen Trümmern
und sing mir still mein Weihnachtslied.
Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,
was weit in aller Welt geschieht.
Die ist den andern. Uns die Klage.
Ich summe leis, ich merk es kaum,
die Weise meiner Jugendtage:
O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre
und käm in dies Brimborium
– bei Deutschen fruchtet keine Lehre –
weiß Gott! ich kehrte wieder um.
Das letzte Brotkorn geht zur Neige.
Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.
Ich hing sie gern in deine Zweige,
O Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:
Wer ist an all dem Jammer schuld?
Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?
uns Deutsche mit der Lammsgeduld?
Noch leben die Kanonenbrüder.
Ich träume meinen alten Traum:
Schlag, Volk, die Kriegsbrandstifter nieder!
Glaub diesen Burschen niemals wieder!
Dann sing du frei die Weihnachtslieder:
O Tannebaum! O Tannebaum!
Und alle Jahre wieder.

Das Gedicht wurde von Hans Eisler vertont und ist auf Ernst Busch: Fromme Gesänge. He! Republik – Kurt Tucholsky und Hanns Eisler zu hören. Aurora 5 80 010/011. Hrsg. 1965 (2. Aufl. 1969).

Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky 1890 – 1933

Hinter dem ersten Türchen unseres Adventkalenders verbirgt sich ebenfalls ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Dor finden Sie auch eine biografische Skizze über Kurt Tucholsky und eine Reihe weiterführender Links.

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Fotoquelle: Kurt Tucholsky in Paris, 1928. Die Aufnahme wurde von Sonja Thomassen, in Norwegen lebende Tochter von Lisa Matthias, zur Veröffentlichung unter GNU-FDL freigegeben.