Josef Weinheber (1892-1945)

Der Verehrten zu Weihnachten

Ein Geschenk? Ich wagte nicht,
kalt mich zu entschließen.
Nicht zum Schatten einer Pflicht
will ich dich bemüssen.

Denn den Nehmer allzuviel
bindet kleinste Gabe.
Und ich will, daß dein Gefühl
freie Wegfahrt habe.

Dieses anspruchslose Blatt
macht dir wenig Sorgen.
Unbeschwerter Wille hat
es vergessen morgen.

Was ich wollte, es ward doch
in die Form gegossen:
Herz, vom Strome einst wie noch
wogend überflossen.

Nimm denn, statt des Großen, dies
nur im Ansehn Kleine.
Und du fühlst im Wort gewiß
Wie das Herz es meine.

Josef Weinheber (1892-1945)

Büste von Josef Weinheber

Josef Weinheber

Josef Weinheber wird 1892 geboren und begeht am 8. April 1945 mit einer Überdosis Morphium Suizid.

Josef Weinheber – Jugendjahre

Er verliert früh seine Eltern, kommt ins Waisenhaus, bricht die Schule ab und muss sich mit Gelegenheitsarbeiten durchbringen. In den Jahren 1911 bis 1932 findet er sein Auskommen als Postbediensteter.
Unter anderem von Rainer Maria Rilke, Anton Wildgans und Richard Dehmel beeinflusst, schreibt er ab 1912 Gedichte. Das obige Gedicht „Der Verehrten zu Weihnachten“ entsteht 1917.

Josef Weinheber will „der“ Lyriker sein

Seinen ersten Lyrikband, „Der einsame Mensch“ veröffentlicht Josef Weinheber 1920. Aus dem Jahre 1924 datiert eines seiner wenigen Prosawerke, der autobiografische Roman „Das Waisenhaus“.

Aus dem Jahr 1926 stammt das Zitat:

„Ich will nicht ein Lyriker sein, ich will ‚der‘ Lyriker sein. Wenn Lyrik gesagt wird, soll es Weinheber heißen, Weinheber und Lyrik ein und dasselbe.“

Als Autodidakt lernt Josef Weinheber Latein, Griechisch und Italienisch. In seinen Gedichten nutzt er Versformen wie Ode, Hymne, Sonett, Terzine oder das aus dem arabischen Raum kommende und in Persien zur Hochblüte gelangte Ghasel.

Der Gedichtband „Adel und Untergang“ macht Josef Weinheber 1934 bekannt, er wird zu einem der anerkanntesten Lyriker seiner Zeit.

Ein Jahr später folgt „Wien wörtlich“, Josef Weinhebers wohl bis heute bekanntestes Werk. Teilweise im Wiener Dialekt geschrieben, porträtiert er darin seine Heimatstadt Wien und nimmt uns beispielsweise in „Der Auflauf“ zu einem ordentlichen Bahöl (Auseinandersetzung) am Würstelstand mit:

„Was gibts denn da? Was is denn gschegn?“
— „Mir scheint, es setzt a Gaudi.“ —
„San zu vü‘ Leut, ma kann nix segn.“
— „Geh, druck di fiari, trau di!“

„Aha, an Diab ham s‘ arretiert.“
— „A Wolfshund hat wem bissn.“ —
„Sagn S‘, Herr, was is denn do passiert“
— „A Baumberl hat er gschmissn.“

„Bei sowas segn S‘ kan Wachmann net,
derwei kann ans verblüatn.‘
— „An Herzstich? Schrecklich!“ — „D‘Rettung steht
scho durt ums Eck, beim Wirten!“

„Einsturzgefahr beim Würschtelstand!“
— „Göl, der durt is der Mörder?“ —
„Des schiefe Gschau! Auf d‘ Pritschen gspannt
und urndlich trückert ghört er.“

„Na endlich a Inspekter, sixt?“
— „Tun S‘ da kein Auflauf machen!“ —
„Er hot eahm scho. Jetzt, Freunderl, pickst.“
— „Sie, da is nix zum Lachen!

Sie gehen mit!“ — „Da bin i gspannt.“
— „Sie revoltiern die Gassen!“ —
„I hab do nur beim Würschtelstand
zehn Eß wohl wechseln lassen …“

Josef Weinheber und sein Werk werden bis heute sehr divergierend wahrgenommen. Das Spektrum reicht vom Dichterfürsten bis zum Wiener Heimatdichter. Auch ist Josef Weinheber zweifelsohne ein Mann, der sein Schaffen in den Dienst des Nationalsozialismus stellte und so zu einem der Vorzeigekünstler des Dritten Reichs wurde.

Josef Weinheber – Nationalsozialismus

1931 wird Weinheber Mitglied der NSDAP in Österreich.
Nach der Ermordung des austrofaschistischen Bundeskanzlers Engelbert Dolfuß durch Nationalsozialisten und dem Verbot der NSDAP in Österreich nähert sich Josef Weinheber vorübergehend der Politik des „Ständestaates“ an.

1936 wird Josef Weinheber Mitglied im Bund deutscher Schriftsteller Österreichs, einer nationalsozialistischen Tarnorganisation für Parteimitglieder und Sympathisanten.

Nach der Auslöschung Österreichs 1938 beteiligte er sich am Bekenntnisbuch österreichischer Dichter, in dem der sogenannte Anschluss begeistert begrüßt wird.

Als Adolf Hitler die Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich durch eine nachträgliche Volksbefragung legitimieren lässt, dichtet Josef Weinheber:

Deutschland, ewig und groß,
Deutschland, wir grüßen Dich!
Deutschland, heilig und stark,
Führer, wir grüßen Dich!
Heimat, glücklich und frei,
Heimat, wir grüßen Dich!

Als noch im selben Jahr der Schriftsteller Otto Basil wegen „Verspottung des Führers“ verhaftet wird, erreicht Weinheber dessen Freilassung. In der Folgezeit wird er zu einem wichtigen Bestandteil der nationalsozialistischen Kulturpolitik und produziert zahlreiche „Oden“, die den Nationalsozialismus propagieren.

Ob die Huldigung des Nationalsozialismus seiner tiefen Überzeugung entspricht, er den Verlockungen der Macht erliegt oder alkoholkrank und depressiv dem Konflikt mit den Nationalsozialisten einfach meiden will, bleibt eine offene Frage.

Theodor Kramer schreibt 1945 in seinem Requiem für einen Faschisten an Weinheber:

So zog es dich zu ihnen, die marschierten;
wer weiß da, wann du auf dem Marsch ins Nichts
gewahr der Zeichen wurdest, die sie zierten?
Du liegst gefällt am Tage des Gerichts.
Ich hätte dich mit eigner Hand erschlagen;
doch unser keiner hatte die Geduld,
in deiner Sprache dir den Weg zu sagen:
dein Tod ist unsre, ist auch meine Schuld.

Informationen zum Thema Bücherverbrennung und Exilliteratur im Nationalsozialismus finden Sie im Wiener Bücherschmaus im Beitrag Bücherverbrennung 1933 und auf „80 Jahre Bücherverbrennung in Salzburg“.

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Fotoquelle: Dieses Werk wurde von seinem Urheber Priwo als gemeinfrei veröffentlicht. Dies gilt weltweit. Das Foto zeigt die Büste von Josef Weinheber im Schillerpark in Wien, Bildhauer: Josef Bock, 1940.