Joachim Ringelnatz – Schenken

EINSIEDLERS HEILIGER ABEND

Ich hab’ in den Weihnachtstagen -
Ich weiß auch, warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abend noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsenuppe und Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Tür gepocht.

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: “Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

Joachim Ringelnatz

Foto von Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Hans Bötticher, der spätere Joachim Ringelnatz kommt 1883 im sächsischen Wurzen zur Welt. In jungen Jahren befährt er die Weltmeere und hält sich zwischendurch mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Ab 1909 beginnt er seine Laufbahn als Schriftsteller, Kabarettist und Maler. Besondere Bekanntheit erreicht er mit der Kunstfigur Kuttel Daddeldu. 1933 setzen die Nationalsozialisten seine Bücher auf die „Schwarze Liste“ und er erhält ein Auftrittsverbot. Joachim Ringelnatz stirbt im Alter von 51 Jahren an Lungentuberkulose.

Peter Rühmkorf meinte im Gedenken an Joachim Ringelnatz:
„Wo in diesem fluidalen Berufe / ohnehin jeder jeden und jede beerbt / (also alles soweit im Fluss) / wünsche ich mir für die Tage nach Ladenschluss, / nein, keinen Ordensstern, keine Ehrenschleppe, / aber dass ihr vielleicht in die unterste Stufe / der Ringelnatztreppe / meinen Namen einkerbt. / […] Hoch sollst du leben, / solange ich selbst eben noch lebe, / großer kleiner, / bis in den letzten Nervenstrich spinnwebfeiner / unübersetzbarer Mann!“

Wenn Sie mehr über Joachim Ringelnatz lesen möchten, öffnen Sie das 10. Fenster unseres Adventkalenders. Dort finden Sie neben einem weiteren Gedicht von Joachim Ringelnatz eine ausführliche Biografie des Künstlers und einige weiterführende Links.

Informationen zum Thema Bücherverbrennung und Exilliteratur finden Sie im Wiener Bücherschmaus im Beitrag Bücherverbrennung 1933 und auf „80 Jahre Bücherverbrennung in Salzburg“.

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Fotoquelle:

Das Foto von Joachim Ringelnatz ist gemeinfrei, da seine urheberrechtliche Schutzfrist von 70 Jahren abgelaufen ist.