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Digitalisierung als Kampfbegriff

Kaum eine Wortmeldung aus Politik und Wirtschaft, die ohne das Modewort „Digitalisierung“ auskäme. Dabei bleibt weitgehend unklar, was damit eigentlich gemeint ist.

Digitalisierung und die „Goldgräber“ des 21. Jahrhunderts

Ein Strang Glafaserkabeln für rasche digitale KommunikationEs ist schon einige Jahre her, da titelte die Hamburger Tageszeitung „Zeit“ mit dem Aufmacher „Die neuen Herrscher der Welt“, illustriert mit den Konterfeis der (damaligen) Chefs von Google (heute: Alphabet), Apple, Amazon und Facebook (heute: Meta). Gendern wäre auch heute nicht erforderlich, zumal die IT-Branche ähnlich der Automobilbranche nahezu vollständig männliche Domäne ist. Richtig ist die damalige Aussage heute mehr denn je, führt sich der geneigte Anteilnehmer vor Augen, welch gewaltige Bedeutung Informations- und Kommunikationstechnologie, kurz IKT, für die westliche Gesellschaft einnimmt. Es ist ganz und gar nicht verwegen, von einem Grundpfeiler des modernen Lebens zu sprechen, insofern sollte die Frage erlaubt sein, ob es eine gute Idee ist, solch elementare Strukturen gewinnorientierten Privatunternehmen zu überlassen. Zumal diese auch noch ein global operierendes Oligopol bilden, das sich zum eigenen Nutzen immer wieder über staatliche Gesetzgebung hinwegsetzt.

Wesen und Wahrnehmung der Digitalisierung

Allein, solche Betrachtungen sind auch zehn Jahre nach Edward Snowdens Enthüllung der Praktiken US-amerikanischer Geheimdienste Mangelware. Die Gesetzgebung hinkt den Entwicklungen der großen IT-Konzerne um Jahre hinterher, und selbst wenn es verbindliche Regelungen gibt, sind diese praktisch nur insofern verbindlich, als man sich danach richtet oder eben nicht. Wer sich nicht daran hält, riskiert schlimmstenfalls eine Geldstrafe, und auch das erst nach jahrelangen Prozessen, genießt aber den Vorteil, durch konstantes Ausloten der Grenzen neue Märkte zu erschließen. Deutlicher lässt sich der Nachteil vollständig privatisierter öffentlicher Strukturen gar nicht darstellen. Befremdlich daher die Sorglosigkeit gegenüber diesen Entwicklungen. Nicht nur auf Seiten der Entscheidungsträger, sondern auch in der Bevölkerung. In einer funktionierenden Demokratie müssen sich die Bürger als wirkmächtige Teile eines Ganzen verstehen, und das bedeutet auch Verantwortung. Diese je nach Lage nach außen oder nach oben zu verlagern birgt die Gefahr, dass sich zum Schaden aller Entwicklungen manifestieren, die durch entsprechendes Minimalengagement durchaus zu verhindern wären. Provokant gefragt: wollen wir überhaupt eine Demokratie, oder kann es auch ein System sein, das zwar bequem ist, aber totalitäre Züge trägt?

Die totale Digitalisierung

Digitalisierung - Frau mit CyberbrilleEs gibt viele Modebegriffe, die alleine deswegen inflationär zum Einsatz kommen, weil niemand so genau weiß, was damit eigentlich gemeint ist. Als Vorbild mag die Katholische Kirche dienen, in der es lange Zeit üblich war, Predigten in Latein vorzutragen – wohlwissend, dass dem einfachem Volk diese Sprache nicht geläufig war. Viel zu oft fiel und fällt diese Saat auf fruchtbaren Boden, bedient also den Anspruch, gar nicht so genau Bescheid wissen zu wollen. Schon gar nicht über Themen, die potenziell unangenehm sein könnten oder gar eigenen Handlungsbedarf verheißen. Womit sich der Kreis schließt, und als Nutznießer vor allem diejenigen hervorgehen, die des Tarnens und Täuschens am besten mächtig sind. Eine fatale Entwicklung, nicht nur, aber vor allem bei neuer Technologie. Ob es sich um die revolutionäre Genschere Crispr/CAS handelt oder die zahlreichen Manipulationsmöglichkeiten im WWW, fast immer gehen aus dem Rennen um die Deutungshoheit diejenigen Unternehmen hervor, die konsequent die Grenzen des Möglichen ausloten oder bewusst überschreiten. In einer Gesellschaft, die Reichtum und Erfolg des Individuums über alles stellt, eine vollkommen natürliche Entwicklung.

Dialektik und Diskrepanz der Digitalisierung

Da es sowohl Politik als auch (Finanz-) Wirtschaft und Gesellschaft in vielerlei Hinsicht an solidem Grundverständnis der Vorgänge und Auswirkungen gebricht, ist auf der anderen Seite eine wahre Goldgräberstimmung entstanden, die auf der arroganten, aber berechtigten Annahme beruht, man stünde qua seiner Sachkenntnis über Gesetz und Gemeinwohl. Eine bedenkliche Entwicklung angesichts der Tatsache, dass sich digitale Netzwerke aus dem Alltag fast nicht mehr wegdenken lassen, ergo ein Grundbedürfnis befriedigen, das sich in seiner Bedeutung durchaus mit der Trinkwasserversorgung vergleichen lässt. Bei welcher kaum jemand ernsthaft auf die Idee käme, sie gewinnorientierten Unternehmen zu überlassen. Nie ist daher die Frage dringlicher gewesen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Wir können diese Frage nicht nur beantworten, sondern diese Antwort auch mit Leben füllen, sprich in die Praxis umsetzen. Digitalisierung ist genau wie Energiewende und Inklusion kein Wert an sich, sondern muss erst mit einem solchen belegt werden. Es liegt an jedem und jeder einzelnen, einen Beitrag dazu zu leisten, und zwar, indem man sich mit den Grundlagen und Hintergründen vertraut macht, und sich somit selbst ermächtigt, die Dinge zu steuern, anstatt von ihnen gesteuert zu werden.

Wohl oder Wehe digitaler Lösungen

So schwierig ist das übrigens gar nicht. Digitalisierung bedeutet nichts anderes, als die reale, also analoge, Welt in Zahlen abzubilden und somit berechenbar zu machen. Computer gleich welchen Typs sind nichts anderes als Rechenmaschinen, welche die zu Zahlen gewordene Realität verwalten und berechnen. Ein Vorgang, der ausgesprochen langweilig ist und somit weit entfernt von der verbreiteten Faszination für die Computerwelt. Heutige Computer rechnen binär, kennen also nur zwei Zustände: ja oder nein, falsch oder wahr, konkret: 1 oder 0. Um komplexere Strukturen abzubilden, bedarf es enormer Rechen- und Speicherkapazität, die aber längst in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. Sprich: heutige Rechner arbeiten so schnell, dass man als Anwender sofort das Rechenresultat präsentiert bekommt, ergo den Akt der Berechnung gar nicht mehr mitbekommt. Ist etwas erst einmal als Zahlenkette gespeichert, lässt es sich in riesigen Datenbanken ablegen und auch wieder hervorholen. Suchmaschinen erledigen solches in kurzer Zeit, aber auch Überwachungssysteme. Das Prinzip ist gleich, Zielsetzung und Ergebnis ein völlig anderes. Wir sehen also: es kommt immer darauf an, was man daraus macht.

Werte ohne Werte

Von ihrer Anlage als Rechenmaschine her sind Computer an sich meinungsfrei und werden auch so empfunden. Was der Rechenknecht vor Ort oder in der Cloud berechnet hat, gilt vielen als unumstößlich. Genau das ist es aber nicht, und das liegt an der Software. Jegliche Software basiert auf Grundannahmen und Handlungsanweisungen, also Algorithmen, welche wiederum von Menschen in die Welt gesetzt werden. Ist ein berechneter Inhalt kulturell anstößig oder nicht, wie ist mit ihm zu verfahren? Gerade solche Fragen sind angesichts globaler Computernetzwerke wie dem World Wide Web schwierig zu klären. Was soll mit erhobenen personalisierten Daten geschehen, mit denen nahezu alle Firmen der Internetökonomie viel Geld verdienen? Bislang ist vieles davon offen und wird daher gerne zwecks Gewinnmaximierung weit ausgelegt. Das ist aber keine conditio sine qua non, sondern eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.

Medienkompetenz in der Praxis

Buch und Computer respektive Digitalisierung können einander ergänzenDamit sind wir nun bei einem zentralen Punkt angelangt, nämlich der Vermittlung entsprechenden Wissens, um Informationen und Vorgänge richtig einschätzen und proaktiv mitbestimmen zu können. Eine klassische Aufgabe für das Bildungswesen, das dieser Anforderungen aber bei weitem nicht gewachsen zu sein scheint. Augenscheinlich wurde das auch für Nichtexperten während der zahlreichen Coronalockdowns und damit einhergehendem Fernunterricht. Anscheinend gibt es in dieser Hinsicht noch viel zu tun. Es muss eigens entwickelte und EU-Recht entsprechende Lernplattformen geben, die kundig und verantwortungsvoll bedient werden, sowohl von Lehrkräften als auch von Auszubildenden. Erst dann besteht die Chance, dass sich die Digitalisierung weiter Teile unsere Lebens in eine konstruktive Richtung bewegt und nicht zu neuen Abhängigkeiten führt. Schulkindern einfach nur Endgeräte der üblichen verdächtigen Großkonzerne in die Hände zu drücken wird nicht nur nicht genügen, sondern mehr Schaden als Nutzen zeitigen. Diese Erkenntis müsste sich nur noch in entscheidungstragenden Kreisen durchsetzen, und diese müssten ihren eigenen Vorgaben dann auch selbst gerecht werden. Davon sind wir, wie es scheint, noch weit entfernt.

Autor: retrofuturist

Weitere Infos zum Thema Digitalisierung, Datenschutz, Netzpolitik

epicenter.works und netzpolitik.org sind zwei Plattformen für digitale Freiheitsrechte.
Datenschutz-NGO NOYB: Europäisches Zentrum für Digitale Rechte
Kommentar der anderen / Georg Platzer vom 17. September 20021: as lässt die Digitalisierung der Schule erwarten?

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