Max Herrmann-Neiße – Weihnachten 1933

Weihnachten 1933

Einst lasen wir die schmerzliche Legende
von der Verbannten weihnachtlichem Leid:
verloren in der Fremde, eingeschneit …
Nun sind wir selbst Opfer der Zeitenwende,
der Heimat fern und ihren Weihnachtsgaben,
dem Duft der Tanne, Äpfeln und Konfekt.
Die Wolke hat den Weihnachtsstern verdeckt,
in fremder Erde liegt das Glück begraben.

Aber mir kann nichts geschehen:
Du bist bei mir, liebste Frau,
Christbaumlichter kann ich sehen,
wenn ich in Dein Auge schau.
Wenn ich Deine Stimme höre,
klingen Weihnachtsmelodien,
es entrücken Engelschöre
alles, was mir feindlich schien.

Was frommt es, über das Verlorne klagen
und nachzuweinen dem, was nicht mehr ist?
Es kommt zu Dir, wo Du auch immer bist,
die frohe Botschaft in den Weihnachtstagen.
Der Talisman ist noch in Deinen Händen:
zuletzt bestehst Du, denn Du bliebst Dir treu,
und immer wieder wird das Leben neu,
umblüht ein Heim Dich mit vertrauten Wänden.

Immer wieder wirst Du schenken
mir die sichre Ruhestatt,
darf ich mir ein Lied ausdenken
träumend vor dem weißen Blatt,
darf ich fern den harten Schlachten
dieses Friedensfest begehn,
ob die Welten sich umnachten,
dennoch Christbaumlichter sehn.

Denn ob auch karg und ohne große Feste,
wird reinen Herzens unsre Weihnacht sein:
wenn jene sich dem Wahn des Hasses weihn,
bewahren wir aus dem, was ist, das Beste.
Wohin auch die Geschicke uns verschlagen,
wir werden wohlbeschützt in unserm Blut,
wie einst Nomaden ihr Reliquiengut,
das Heiligtum der Heimat mit uns tragen.

Also sollst Du Weihnacht haben
heimatlich in fremdem Land,
nichts entbehren von den Gaben,
wenn wir beide Hand in Hand
aus den Blicken friedlich wieder
Christbaumlichter leuchten sehn
und den Stern der Weihnachtslieder
über unserm Obdach stehn.

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Foto von Max Herrmann-Neiße

Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941)

Max Herrmann Neiße ist einer der geschätztesten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Zeit. Einem Freund schreibt er: „Ich könnte ja auch ein anerkannter deutscher Lyriker jetzt werden, mit meiner Naturlyrik und meiner uralten schlesischen Bauernahnenreihe, aber ich brächte es nicht über mich, auch nur stillschweigend mich fördern zu lassen von einem System, das für mich das wahrhaft teuflischste ist.“
Kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 verlässt Max Herrmann-Neiße gemeinsam mit seiner Frau Deutschland und emigriert über die Schweiz, Holland und Frankreich nach London, wo er 1941 stirbt.

Nähere Informationen über Max Herrmann-Neiße finden Sie im Wiener Bücherschmaus auf der Seite Max Herrmann-Neiße.

Fotoquelle: Porträt von Max Herrmann-Neiße, fotografiert von Max Glauer, gemeinfrei.