Erich Mühsam – Weihnachten

Weihnachten

Nun ist das Fest der Weihenacht,
das Fest, das alle glücklich macht,
wo sich mit reichen Festgeschenken
Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
wo aller Hader wird vergessen
beim Christbaum und beim Karpfenessen;
und Groß und Klein und Arm und Reich,
an diesem Tag ist alles gleich.
So steht’s in vielerlei Varianten
in deutschen Blättern. Alten Tanten
und Wickelkindern rollt die Zähre
ins Taschentuch ob dieser Märe.
Papa liest’s der Familie vor,
und alle lauschen und sind Ohr …
Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
ein armer Kerl gelesen hat.
Er hob es auf aus einer Pfütze,
daß es ihm hinterm Zaune nütze.

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Erich Mühsam

Erich Mühsam (1878 – 1934)

Der folgende Text bietet Ihnen einen Auszug aus dem im Wiener Bücherschmaus veröffentlichten Beitrag Erich Mühsam.

Erich Mühsam veröffentlicht Gedichtbände, Bühnendramen, Sachbücher, politische Aufsätze und Essays. Seine Bekanntheit als Schriftsteller beruht vor allem auf sein satirisches Werk und seine Lyrik.

Während eines Sanatoriumsaufenthaltes im August 1910 fühlt Erich Mühsam das Verlangen, ein Tagebuch zu führen. Seine Aufzeichnungen beginnen mit dem lapidaren Satz: „Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen.“ Seine Devise beim Schreiben lautet: „Also, ich will ehrlich sein, soweit ich es vor mir selbst nur kann …“

Bis 1924 wird Erich Mühsams 42 Hefte mit rund 7000 handschriftliche Seiten verfassen. Dieses einzigartige Zeitdokument wurde bis auf sieben Hefte, die verschollen sind, im Verbrecher Verlag veröffentlicht. Ergänzend zur Printausgabe kann in den Heften mittels Register online gestöbert und gelesen werden.

Der Schriftsteller Alfred Kantorovicz äußert sich über Erich Mühsam folgendermaßen:

„Wahrhaftig, wer ihn nicht näher kannte, hätte befürchten können, daß er sogleich eine Bombe aus der Tasche ziehen und unter die Menge werfen würde. Wer ihn aber kannte, wußte, daß er der gütigste, hilfsbereiteste und dabei für seine eigene Person zugleich selbstloseste Mann war, den man sich vorstellen konnte.“

In der Auseinandersetzung mit den Schriften anarchistischer Theoretiker wie Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin, Pjotr Kropotkin und Gustav Landauer, der Erich Mühsam Mentor und Freund ist, aber auch beeinflusst durch Max Stirner und Friedrich Nietzsche entwickelt er seine Weltsicht.

Erich Mühsam schreibt über sein Verständnis von Anarchismus:

„Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Wer den Begriff mit keinem Gedanken verbinden kann, ehe er ihn nicht zur Zügellosigkeit umgedeutet hat, beweist damit, daß er mit den Empfindungsnerven eines Pferdes ausgerüstet ist. Anarchie ist Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentralisation, Staat. Die anarchische Gesellschaft setzt an deren Stelle: Freiwilligkeit, Verständigung, Vertrag, Konvention, Bündnis, Volk.“

Anfang Februar 1933 sah Erich Mühsam in seiner letzten öffentlichen Rede die Ereignisse kommen: „Und ich sage euch, dass wir, die wir hier versammelt sind, uns alle nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten. Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren.“

Noch in der Nacht des Reichstagsbrandes vom 27. zum 28. Februar 1933 wird Erich Mühsam verhaftet. Die Stationen seines Leidensweges sind das Polizeipräsidium in Berlin, das Gefängnis an der Lehrter Straße, das KZ-Sonnenburg, das Gefängnis in Plötzensee und die Konzentrationslager Brandenburg und Oranienburg. Seine Bücher werden bei den im ganzen Deutschen Reich stattfindenden Bücherverbrennungen ein Raub der Flammen.

Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels spricht das Todesurteil über Erich Mühsam. „Dieses rote Judenaas muss krepieren!“ Nach einem viele Monate dauernden Martyrium wird Erich Mühsam in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS ermordet.

Weiterführende Infos zur Person und dem Werk von Erich Mühsam
Erich Mühsam: Bibliographie, Bilder, Lebensdaten, Leseproben
Erich Mühsam Gesellschaft